Ursachen

Eine einzelne Ursache für Zwänge konnte bislang nicht identifiziert werden. Die meisten psychischen Erkrankungen werden bzgl. ihrer Ursachen heute im Rahmen des sogenannten Bio-Psycho-Sozialen Modells betrachtet. Das bedeutet, dass die Entstehung psychischer Erkrankungen sowohl durch biologische, z.B. genetische, als auch psychische und soziale Faktoren beeinflusst wird. Dies gilt übrigens auch für zahlreiche körperliche Erkrankungen. Für bestimmte Bereiche des menschlichen Gehirns wie die Rinde des Stirnhirns und die sogenannten Basalganglien konnte eine Beteiligung an der Entstehung von Zwängen nachgewiesen werden. Schichtaufnahmen des Gehirns mittels Computertomographie oder Magnetresonanztomographie sehen bei Betroffenen jedoch in aller Regel völlig normal aus. Auch sind bestimmte Botenstoffe im Gehirn, nach derzeitigem Erkenntnisstand vor allem Serotonin und Dopamin, an der Ausbildung von  Zwängen beteiligt. Dies macht man sich in der Behandlung mit Medikamenten, die diese Botenstoffe beeinflussen, zu Nutze. Verschiedene genetische Varianten stehen im Verdacht, zur Entstehung von Zwängen beizutragen. Auch treten Zwänge teilweise familiär gehäuft auf, das heisst, dass es Familien gibt, in denen mehrere Familienmitgliedern Zwänge haben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine entsprechende genetische Ausstattung unbedingt zur Entstehung von Zwängen bzw. einer Zwangserkrankung führt. Weitere Faktoren müssen hinzukommen, damit Zwänge entstehen und bleiben.

Dies können sowohl andere biologische Faktoren wie z.B. eine Infektion als auch psycho-soziale Faktoren wie belastende Lebensereignisse sein. Im Rahmen des sogenannten kognitiven Modells der Zwangsstörung wird zunächst einmal davon ausgegangen, dass die sich aufdrängenden unsinnigen, unangenehmen und oft auch peinlichen Gedanken zunächst einmal nicht krankhaft sind, sondern zumindest immer wieder mal bei den meisten Menschen auftreten. Menschen, die an einer Zwangserkrankung leiden, bewerten demnach diese Gedanken jedoch anders. Dies bedeutet, dass die Betroffenen stärker als Andere angesichts dieser Gedanken Schuldgefühlen, Angst und die Befürchtung, das Gedachte tatsächlich  auszuführen, entwickeln. Wenn dann auch noch die vorübergehende Entlastung durch eine Zwangshandlung erfolgt, kommt es im Rahmen dieses psychologischen Erklärungsmodells zu einer sogenannten negativen Verstärkung. Dies führt dazu, dass in Zukunft Zwangshandlungen eben wegen ihres vorübergehend entlastenden Charakters mit grösserer Wahrscheinlichkeit auftreten. Dieser Mechanismus ist von grosser Bedeutung in der kognitiven Verhaltenstherapie und wird mittels Exposition und Reaktionsverhinderung psychotherapeutisch beeinflusst.

Soziale Faktoren, die die Aufrechterhaltung von Zwängen beeinflussen, existieren ebenfalls. Sie sind naturgemäss eng mit den psychischen Faktoren verknüpft. So kann sich beispielsweise das Verhalten von Angehörigen die Ausprägung von Zwängen auswirken.

In der Regel ist man jedoch im Einzelfall nicht in der Lage, diejenigen Faktoren, die zur Entwicklung einer Zwangserkrankung geführt haben, festzustellen. Dies widerspricht unserem menschlichen Grundbedürfnis nach Erklärungen für unser jeweiliges Befinden, dem sogenannten Kausalitätsbedürfnis. Aus diesem Grunde werden von Betroffenen und deren Angehörigen dennoch oft bestimmte Erklärungen wie z.B. Konflikte angenommen, was auch zu Schuldzuweisungen innerhalb der Familie führen kann. Dies sollte angesichts der geschilderten Mannigfaltigkeit der Ursachen und der Problematik, diese genau zu bestimmen, unbedingt vermieden werden.