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Horten und Sammeln
Die Messie-Persönlichkeit
Johannes von Arx | 10.12.2005Ausgehend von Amerika, wo sich Sandra
Felton 1981 als Messie (engl. „Unordnung“,
„Chaos“) outete und in der Folge die ersten
Selbsthilfegruppen gründete, sprang die
Bewegung zunächst nach Deutschland über.
Seit 2001 sprechen die Messies auch in der
Schweiz über ihre oft erdrückenden Probleme
mit zu viel an Ware und zu wenig an
Ordnung in den Dingen, Terminen usw.
Allerdings tun sie das fast nur im Rahmen
von geschützten Selbsthilfegruppen, denn
die Scham über ihre Unfähigkeit, mit den
Dingen des täglichen Lebens sowie auch mit
Strukturen und Terminen so umzugehen,
wie sie sich es eigentlich selbst wünschen ist
fast immer enorm gross.
Damit ist schon ein ganz wesentlicher
Aspekt des Messie-Seins angesprochen: Die
Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen.
Praktisch alle Messies sind sich voll bewusst,
dass sie in ihren vier Wänden derart viel
Lesestoff angehäuft haben, dass sie den im
ganzen noch bevorstehenden Leben nicht
verarbeiten können. Die logische Folge daraus
müsste sein, dass sie sich mindestens
von den älteren Schriften trennen. Doch das
Wollen stösst fast immer auf eiserne
Schranken, weil es reflexartig eine Gegenreaktion
auslöst: „Das ist ein interessanter
Artikel“, „zu schade zum schon Fortwerfen“
etc. Anders ist es mit dem Vorsatz, endlich
Ordnung zu schaffen. Fast alle Anläufe in
diese Richtung scheitern an der eingeschränkten
Konzentrationsfähigkeit (zum
Teil auf Grund eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms
ADS), der Ablenkbarkeit,
der chronischen Zeitnot und – paradoxerweise
– dem Perfektionismus, dem ein
überwiegender Teil der Messie-Betroffenen
zwanghaft erliegt.
Messie- versus Vermüllungssyndrom
Die immer stärker anwachsende Flut an
Informationsträgern aller Art – vorab natürlich
Zeitungen, Dokumentationen, Bücher
– ist so etwas wie das Symbol der Messies.
Daneben findet sich bei ihnen zu Hause
häufig ein Übermass an Haushaltsgegenständen
, Bastelartikeln, Hobbyutensilien
(auch wenn das Hobby längst aufgegeben
wurde) etc. Ein Wort an dieser Stelle zur
Abgrenzung vom so genannten Vermüllungssyndrom
[1]): Auch wenn gewisse Wurzeln
gemeinsam sind mit dem Messiesyndrom
, so gibt es doch gewichtige Unterschiede.
Beim ersteren sind häufiger
Psychosen, Demenz, Vereinsamung etc.
Auslöser; die Betroffenen lassen sich quasi
fallen. Bei den Messies hingegen ist das
Problem zwischen den Polen Nicht-
Loslassen-Können und Perfektionismus angesiedelt.
Freilich leiden Messies fast immer
auch unter begleitenden Faktoren wie mangelndem
Selbstvertrauen, sozialer Isolation,
Depression, Phobien, Süchten. Zwangsverhalten
in Reinkultur dagegen findet sich
nur bei einer Minderheit der Messies.
Festhalten, Perfektionismus sind ja an sich
schon Verwandte des Zwangs. Übrigens: Die
Professorin an der Universität Duisburg-
Essen, Gisela Steins, spricht richtigerweise
von „Desorganisationsproblemen“ [2].
Steine des Anstossens
Wir sehen: Die Messie-Persönlichkeit lässt
sich also nicht auf einen einfachen Nenner
bringen. So auch die von Armin (Name geändert)
, der von einem Handel mit technischen
Geräten lebt, einst diffizilen Aufgaben
in einem militärischen Bereich nachging
und sich nach wie vor für mehrere
Hilfswerke in Lateinamerika sowie im Nahen
Osten engagiert. „Auf meinen Weltreisen
war ich schon immer der Sammlertyp,
brachte Uniformenabzeichen zurück aus
Ländern, die heute nicht mehr existieren“,
blickt Armin zurück. Vielfältigkeit kann aber
auch ein Fallstrick sein. So sammelten sich
im Lauf der Zeit so viele Apparaturen,
Maschinen, Motoren, Regler, Trafos, Kabel,
alte Radioempfänger usw. an, dass sie seinen
Haushalt bis hart an die Benutzbarkeitsgrenze
ausfüllte.
Weil schliesslich kein Platz mehr war für die
Wundertüten aus Industrieausschuss oder
Liquidationen („das gibt es bald nur noch
bei mir“), häuften sich diese Dinge im Vorhof
an, der aber unmittelbar an die Dorfstrasse
angrenzte. Folge: Armin kam in
Konflikt mit den Behörden, welche ihm
schliesslich die Zwangsräumung androhten.
Die „Lösung“ kam dann allerdings in Form
einer Frau aus einem fernen Land, die zwar
den Sammler liebte, aber nicht dessen
Chaos. Gemeinsam schafften sie sich wieder
Freiraum und Armin konnte sich von vielem
trennen, das realistischerweise kaum mehr
eine Chance hatte, nochmals für irgendetwas
gebraucht zu werden.
Reizwörter
Als Vielbeschäftigter und noch immer Vielreisender
schaffte er es nicht, in eine Selbsthilfegruppe
(SHG) zu gehen. Dies im Unterschied
zu vielen anderen Messies, welche
ihre Hoffnung auf diese bewährte Institution
setzen. Heute existieren in Zürich, der Nordwest-
und Ostschweiz SHGs. An anderen
Orten gibt es Bestrebungen, neue zu gründen.
Betroffene finden dort Leidensgenossen
, können ihre Probleme mit dem
Alltag aussprechen und erfahren auf diese
Weise Solidarität. Angehörige von SHGs
bauen auch Kontakte auf privater Ebene
auf. Sie machen manchmal gute Erfahrungen
mit gegenseitigen Besuchen. Dabei halten
sie sich wohlweislich zurück mit allen
Formeln der Art: „Das ist jetzt wirklich nicht
mehr brauchbar“ und „diese Zeitungen sind
ja schon mehr als zehn Jahre alt, wollen wir
die nicht gleich zum Altpapier legen?“ Das
sind Reizwörter, welche die Brücke abrupt
zum Einsturz bringen können. Denn nebst
dem rein rational fassbaren (Rest)wert von
Informationen und Waren beinhalten sie
auch einen symbolischen Wert. Und so hört
man in Messie-Kreisen nicht selten Sätze
wie „Wenn mir jemand etwas aus meinem
Haushalt wegnimmt ist das so, wie wenn
man mir etwas aus meiner Person herausreissen
würde.“
Freilich zeigen sich auch immer wieder die
Grenzen solcher Gruppen. Zum einen neigen
Messies mehr als „Normalos“ (oder gar
„Cleenies“, wie die Menschen am anderen
Ende der Chaos-Skala genannt werden) zu
fast unbremsbarem Redefluss. Das kann in
einer Gruppe, in welcher ja alle gleichberechtigt
zum Zug kommen sollen, erheblich
stören. Zum andern besteht die Gefahr,
dass man beim dauernden Aussprechen von
Klagen über das häusliche Elend und den
schon wieder gescheiterten Versuch, Ordnung
zu schaffen gegenseitig die negative
Stimmung verstärkt. Deshalb sollten die
Mitglieder von SHGs auf keinen Fall nur die
problematische Seite des Messie-Daseins
beklagen, sondern sich auch auf ihre eigenen
Ressourcen besinnen. Vor allem aber
sich als Persönlichkeiten zu akzeptieren, in
deren Leben die Messie-Problematik nur ein
Teil ist, währenddem andere Teile ihre individuelle
Qualität verkörpern. Und das heisst,
sich nicht selbst dauernd unter Druck zu setzen
„jetzt endlich vorwärts zu kommen mit
dem Aufräumen“. Denn dies ist das Rückkopplungsglied
im ewigen Teufelskreis, der
da etwa heisst: Vorsatz, Versagen, Verzweiflung.
Neue Wege
Wir sollten deshalb neue Wege beschreiten:
Wir sind Messies nicht nur auf der Ebene
des zwanghaften Aufbewahrens und des
Chaos. Wir sind Menschen mit einem Charakter
, der – wie bei allen Nicht-Messies –
einer Ansammlung von positiven und negativen
Eigenschaften samt allen Zwischentönen
beinhaltet oder – mit einem Anklang
an Freud – mit Licht und Schatten. Zu
letzterem gehört augenscheinlich das mangelnde
Selbstvertrauen vieler Messies. Wenn
wir in den SHGs auf die Stärkung der Persönlichkeit
als Ganzes hin arbeiten, dann ist
längerfristig wohl mehr und Nachhaltigeres
erreicht als ein kurzer Aufräumerfolg nach
einem Motivationsschub. Aus dem Schatten
wächst selten Gutes, sehr wohl aber aus
dem Licht.
[1] Das Vermüllungssyndrom –Theorie und
Praxis (2001). Von Peter Dettmering und
Renate Pastenaci. Klotz, Eschborn
[2] Das Messie-Phänomen – Desorganisationsprobleme.
Von Gisela Steins. Pabst
Sience Publishers, Lengerich
Ein weiteres Buch, welches einen tiefen Einblick
ins Messie-Sein, in die Gefühle, Ängste
und Probleme der Messies vermittelt ist die
empirische, volkskundliche Untersuchung
auf der Basis von intensiven Gesprächen mit
elf Betroffenen: «Messies» Alltag zwischen
Chaos und Ordnung. Von Annina Wettstein.
Aus der Reihe Zürcher Beiträge zur Alltagskultur
, Band 14, Volkskundliches Seminar
der Universität Zürich.
Der im September 2005 gegründete Verband
"Lessmess" hat seine eigene Infoseite
www.lessmess.ch. Hier kann man sich
auch eintragen für das lessmess-info, mit
dem über die Verbandsaktivitäten informiert
und auf Aktualitäten wie Medienberichte
hingewiesen wird. Auf der Stammseite
der Messie-Bewegung der Schweiz
www.messies.ch finden sich zwei Vorträge
sowie ein Messietest von Johannes von Arx.
Autor / Korrespondenzadresse
Johannes von Arx
Elektroingenieur HTL
freier Journalist und selbst betroffener Messie
Murwiesenstrasse 31, 8057 Zürich
Email: johannes@dplanet.ch
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